Avatar Magazin Publikationen Köln
Karin Lingnau, Tom Lingnau
post@avatar-magazin.de
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Stefanie Stallschus: Fluchtlinie Istanbul
Protokolle eines Stipendienaufenthalts
erschienen in off topic #3, Magazin der Kunsthochschule für Medien Köln, Dezember 2011
http://www.offtopic-magazin.de
Stefanie Stallschus, geboren 1976, Kunstwissenschaftlerin und Autorin, lehrt und forscht an der
Kunsthochschule für Medien Köln
Robert Kraiss: The stinking and the perfumed elephant (Ein Reisebericht)
erhältlich via
http://www.amazon.de/stinking-perfumed-elephant-Ein-Reisebericht ...
http://www.buchhandlung-walther-koenig.de/cat/kraiss_the_stinking_and ...
Edition, 30 Exemplare, numeriert, signiert, mit einer Zeichnung
(noch 4 Exemplare erhältlich)
Wer beim Reisen eigene Erfahrungen machen und Klischees über Land und Leute umgehen möchte, stattet sich gewöhnlich mit entsprechender Reiseliteratur aus, die kenntnisreich auf Eigenheiten vor Ort, wenn nicht sogar auf die Fallen historisch vorgeprägter Exotisierungen vorbereitet. Den Reisebericht "The stinking and the perfumed elephant" von Robert Kraiss über seinen Aufenthalt in Istanbul könnte man durchaus in dieser Weise lesen. Das übliche Tourismusprogramm kommt nur am Rande vor, das Augenmerk gilt der zeitgenössischen Kunstszene, aber auch den kulturellen Verflechtungen und Widersprüchlichkeiten der Metropole zwischen den zwei Kontinenten. So erfährt man durch die Lektüre beispielsweise, wieviel Projekträume für aktuelle Kunst es in Istanbul gibt, worin die türkischen Regeln des Battle-Rap bestehen, aber auch wie viele Stunden die Reise mit dem Zug von Istanbul nach Deutschland dauert.
Die Aufzeichnungen sind entstanden im Rahmen eines von der Stadt Köln vergebenen Stipendiums, das zur Etablierung eines internationalen KünstlerInnenaustauschs beitragen soll und den Aufenthalt in einem Wohnatelier im Stadtviertel Galata Beyoglu finanziert. Drei Monate, von Januar bis März 2011, hatte der Autor Zeit, ungestört zu arbeiten und die Gegebenheiten vor Ort kennenzulernen. Als bildender Künstler und Experimentalmusiker hat er einen im besten Sinne idiosynkratisch zu nennenden Zugang zur Stadt gefunden – auf Grund seiner speziellen Interessen, den daraus resultierenden Begegnungen und Begebenheiten. Sucht man nach Anregungen für ungewöhnliche Spaziergänge im europäischen und asiatischen Teil der Stadt, dann wird man hier fündig. Die Aufzeichnungen lassen nicht nur die Metropole gegenwärtig werden, sondern verdichten das Erlebte auch zu phantastischen Bildern.
Als ein rein literarisches Werk würde der Reisebericht jedoch kaum in die Reihe der sorgsam gestalteten Künstlerbücher passen, die von Karin und Tom Lingnau in Köln unter dem Namen "Avatar Magazin Publikationen" herausgegeben werden. So liefert denn die beigegebene minimalistische Zeichnung auch einen ersten Hinweis darauf, dass es sich um Kunst in Buchform handelt. Das Bild besteht aus einem All-over diagonaler Striche und ist auf zwei Seiten mitten im Buch platziert, getrennt durch eine leere Rück- und Vorderseite. Will man es in Gänze betrachten, dann muss man die beiden Blätter so falten, dass sie sich dreidimensional aus den Buchseiten herausheben – als Zwitter aus Zeichnung und Plastik. Mit dieser Erfahrung verbindet sich eine Wahrnehmungsverschiebung, infolgedessen plötzlich jedes Buch mit seinen gleichmäßigen Buchstaben-, Zeilen- und Seitenabfolgen als eine räumlich materialisierte Zeichnung erscheint.
Auch inhaltlich weist der Text eher eine Nähe zur bildenden Kunst denn zur literarischen Tradition auf, obwohl im Untertitel auf die Gattung des Reiseberichtes Bezug genommen wird. "Reisetagebuch" oder "Reiseprotokoll"wäre als Beschreibung treffender. Denn die nach Datum vorgenommenen Einträge bestehen meist nur aus knappen Stichworten und Halbsätzen. Selten gibt es charakterisierende Beschreibungen von Personen oder Orten und bis auf wenige Ausnahmen bleibt der Ton distanziert, ja unpersönlich. Dafür nehmen die Aufzählungen wiederkehrender Alltagsverrichtungen auffallend breiten Raum ein. So erfährt man Tag für Tag aufs Neue, worin die gerade aktuelle Lektüre des Künstlers besteht, wie die Arbeit im Atelier vorankommt, was und wo gegessen wird, welche Fort- oder Rückschritte in der Kulturtechnik des Feilschens zu verzeichnen sind, und so weiter, und so fort. Diese Faszination für die Banalität des Alltags und die damit verbundene Monotonie durch Wiederholung erinnern entfernt an die Pop Art, eine Referenz könnten die Tagebücher Andy Warhols sein.
Die Wiederholung – die übrigens auch in den Zeichnungen und Musikperformances des Künstlers eine wichtige Rolle spielt – hat verschiedene Funktionen für den Text. Ihre vielleicht wichtigste besteht darin, dass durch die ausführlichen Beschreibungen der Alltagsroutinen es unmöglich gemacht wir zu vergessen, wer aus welchem Anlass als Autor spricht. Erst die Allgegenwart der festen Gewohnheiten lässt das Fremde in seiner Ähnlich- und Unterschiedlichkeit deutlich hervortreten, meist begleitet von Verständnisschwierigkeiten und Unsicherheiten. So etwa beim Besuch des Gottesdienstes in einem Sufi-Kloster oder bei der mehrtägigen Flucht aus Istanbul, die als eine Art von Road-Movie entlang der Schwarzmeer-Küste erzählt wird. Immer wieder wird die Differenz in der Wiederholung auch auf der sozialen Ebene thematisiert: Aneignung und Nachahmung bestimmter äußerlicher Merkmale oder Verhaltensweien gelingen dem Autor bisweilen so gut, dass er für einen Türken gehalten wird oder das Kompliment erhält, wie ein Türke zu sein. So gehen die formalen Wiederholungen suggestive Verbindungen mit den Wiederholungen auf der inhaltlichen Ebene ein: Der Problemkomplex der ethnografischen Beobachtung, die gegenseitige Imitation von Kulturen, des "exotisme à rebours" scheint darin auf.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der enigmatische Buchtitel einordnen. Er geht zurück auf ein Zitat aus den Memoiren des chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky, der die Verwandlung des Elefanten als Gleichnis für die spirituelle Entwicklung benutzt. Es erinnert daran, dass es nach einer Reise keine Rückkehr geben kann, sondern nur einen erneuten Aufbruch.
Stefanie Stallschus